Freitag, 1. Juli 2011

Vorwärts! Rückwärts?

Hallo da draußen,

Ich habe es ja schon erzählt, ich habe meinen Job gekündigt und meine Sachen sind bereits schon zum Teil zurück in meinem "Kinderzimmer".
Heute fühle ich mich ein bisschen so als müsste ich mal etwas Nachdenkliches schreiben, denn danach is mir gerade sehr. Vielleicht mal ein bisschen erklären was so in einem vorgeht wenn man weggeht und warum ich nun wieder zurückgehe und was mir dazu so im Kopf rum schwirrt.

Ich bin im letzten Jahr nach London gekommen, denn es war ein großer Traum nach meinem Jahr in Schweden wieder eine tolle Zeit in einem anderen Land zu verbringen. Ich habe mich nach Stockholm nie so wirklich wieder eingelebt zu Hause, die Welt hatte sich weiter gedreht eben auch ohne mich und manchmal hatte man das Gefühl ich habe den Anschluss verloren. Während sich zu Hause alle eingelebt haben in ihrem Leben war ich durch die Weltgeschichte gebummelt. Nicht das ich das je bereuen werde, denn es war mit Sicherheit eine der besten Erfahrungen in meinem Leben, aber man bezahlt für alles eben auch einen Preis.
Die Unizeit geht zu Ende man zerbricht sich den Kopf wie es mit dem Leben weitergehen soll und was man überhaupt werden will jetzt wo man endlich groß ist :)
Und ich war mir ja immer ziemlich sicher, dass ich dann ja doch keine Lehrerin werden will. Also musste was anderes her. In Deutschland hat man es leider sehr schwer als Einsteiger mit einem geisteswissenschaftlichen Bachelor Abschluss. Ich würde sagen man hat quasi keine Chance, es sei denn man will Praktikant auf Lebenszeit werden und für immer bei Mama und Papa leben. Nicht unbedingt erstrebenswert. Ja und dann...dann is da noch die Liebe...
Ich war ja dann auch noch mit einem Engländer zusammen, was für ein glücklicher Zufall, dass sich mein Londontraum verbinden ließ mit dem Traum vom großen Herzensglück.

Ich war ja schon immer ungeduldig und schwer spontan und so bin ich dann mehr oder weniger von heute auf morgen nach London. Zack, Flug gebucht, Sachen gepackt, Erspartes in die Hand und auf gehts!
Hier angekommen sah zunächst alles rosig aus, ich hab schnell ein Zimmer gefunden für den Anfang, mit meinem Freund lief es wieder. Und ich dachte jetzt kann es losgehen, den Job hab ich bereits nach vier Wochen gefunden und ich war wahnsinnig stolz auf mich. Ganz allein, in einer Stadt, die die Menschen zum Frühstück frisst und abends wieder ausspuckt.

Der Job war im Sales Bereich, das heißt das Telefon hat man den ganzen Tag in der Hand, den Chef im Rücken und die Verkaufszahlen vor den Augen. Obwohl ich gute Arbeitszeiten habe, 9 bis 5 ist hier ziemlich gut und absoluter Luxus, war ich abends fertig, ich habe in den ersten zwei Monaten zweimal auf dem Klo geheult und ebenso ein Kampf war es hier ein Bankkonto zu bekommen, eine Steuernummer und diverse andere Dinge, die der Mensch so zum Leben braucht.
Ich habe gute Arbeit geleistet, mein Chef war immer zufrieden mit meiner Entwicklung, ich habe meinen Bonus regelmäßig verdient und habe mir damit auch immer einiges leisten können. Shoppen als Ersatz für so einiges...

Inzwischen bin ich Account Manager/Credit Control/Customer Service. So eine Position gab es in unserem Team vorher nicht einmal aber ich habe mich dorthin gearbeitet und kann stolz sagen, dass ich keine Sales Anrufe mehr machen muss. Ich bin exzellent in dem was ich tue und ich lerne jeden Tag ein bisschen mehr, über mich und über den Umgang mit Menschen, unseren Kunden. Ich habe nicht nur für das berufliche Leben gelernt sondern habe mich auch privat wieder einmal wahnsinnig schnell weiter entwickelt. Das schafft man nur wenn man weg ist von seinem gewohnten Umfeld.
Nach Schweden habe ich mich geöffnet und danach sagte man mir man kann sich nicht vorstellen wie ich mal schüchtern gewesen war. Nach London würde man vielleicht sagen, man kann sich nicht vorstellen wie ich mal Angst haben konnte nachzufragen :)

Ich bereue nichts, ich würde immer wieder nach London gehen. Alleine um zu lernen auf eigenen Füßen zu stehen, egal wie hart is immer mal wieder war. Und ihr könnt euch sicher sein, das Leben hat mir immer mal wieder einen Stock zwischen die Speichen geschleudert.
Meine Beziehung ist zerbrochen, aus dem alten Zimmer bin ich raus, in meinem alten Stadtteil wurde ich an meinem Geburtstag überfallen, ich habe einen Tag in einer Drückerkolonne gearbeitet, ich habe bei der Arbeit geheult und dann hab ich mich trotzdem wieder aufgerafft, bin auf die gegenüberliegende Seite Londons gezogen, näher an die Arbeit weg vom Alten. Der schlimmen Erinnerung, dem Ex und der zickigen Mitbewohnerin.

Hier in Kentish Town wo ich bis heute wohne, lebe ich in einem schönen Viktorianischen Haus mit 4 anderen Menschen. Wir sind alle sehr verschieden, aber es klappt beim Zusammenleben und wir respektieren uns gegenseitig. Trotzdem haben sich nie Freundschaften ergeben, die meine Freunde zu Hause oder die aus Schweden hätten ersetzen können. Auch auf der Arbeit habe ich viele Menschen, die mich gerne haben, aber nur einen einzigen, der ein Freund geworden ist.
Ich habe gelernt damit zu leben, dass ich ein Mädchen aus dem Pott bin, herzlich, offen, ehrlich und unfähig sich zu verstellen. Da bin ich leider das Gegenteil der Londoner und der Engländer. Die sind gerne unter sich, sie sind immer sehr höflich, würden nie etwas böses sagen oder nein, aber richtig "rein" lassen sie dich nie. Das geht selbst den Leuten so die seit Jahren hier sind.
Ich denke immer wie verrückt es ist, dass hier so viele Menschen sind und trotzdem sind wir alle ein bisschen verloren und ein wenig einsam.
Ich habe viele tolle Menschen kennen gelernt, nur keine Engländer ironischerweise. Hatte tolle Wochenenden und werde mit Sicherheit einige vermissen, aber wer mir am meisten fehlen wird und wer meine allerbeste Freundin geworden ist, ist die Stadt.
London wird eine meiner großen Lieben bleiben und das ist es was so bekloppt ist. Ich wollte immer hier her und London wird mir wahnsinnig fehlen, und ich weiß ich werde mir spätestens nach 3 Wochen wünschen ich wäre wieder in London. Aber nichts kann einem die Wärme der Menschen ersetzen, die man Freunde nennt oder noch enger Familie.
In Schweden hatte ich eine Ersatzfamilie und unendlich viele Freunde ständig um mich herum. Hier bin ich ein Einzelkämpfer und esse jeden Abend alleine. Das bin ich einfach nicht und das habe ich gelernt. Ich bin ein Typ, der sich gerne kümmert und zuhört und hilft. In der Firma sagen sie immer Social Secretary zu mir. Ich organisiere den gemeinsamen Lunch oder Treffen nach der Arbeit. Ich sorge dafür, dass neue Mitarbeiter sich schnell zurecht finden und Anschluss an die Gruppe finden. Und ich tue das sehr gerne.

Nun ist die Frage die bleibt für mich selbst und ich denke mir auch immer eine Frage, die sich die Familie und Freunde stellen: Ist es nun ein Schritt vorwärts oder rückwärts?

Ich denke ich gehe vorwärts zurück :) Ich habe viel gelernt, ich liebe London noch immer, ich bin gewachsen, ich habe einiges überlebt. Es hat mich nicht umgehauen das meine Bank mich rausgeschmissen hat, meine beste Freundin bei der Arbeit im Krankenhaus fast an einer Eilieterschwangerschaft gestorben ist, meine Mitbewohner um 12 Uhr mittags bei 30° Tequila aus der Flasche saufen während sie sich die Nase mit Koks vollziehen und auch die Typen, die meinen Geburtstag ruiniert haben, konnten mich nicht verjagen.
Ich bin in meiner Firma aufgestiegen und mein Chef hat gesagt er wünschte ich würde bleiben. Ich habe der Firma meinen persönlichen Stempel aufgedrückt und das Sozialverhalten geprägt. Das ist mir sehr viel wert und es rührt mich sehr das zu hören. Am Ende gehe ich zurück, denn privat hat London nicht funktioniert für mich. Ich gehe in den nächsten Abschnitt meines Lebens und ich freu mich auf neue Aufgaben.

Was denkt ihr? Vorwärts oder rückwärts? Wie war es für euch im Ausland? Oder wie empfindet ihr Veränderungen?

See you soon

xxxxx

2 Kommentare:

  1. Hey Du, es ist defintiv ein Schritt vorwärts so in der Art, wie Du Deine Erfahrungen verarbeitest. Ich wünsche Dir ganz viel Erfolg in Deinem neuen alten Leben. Weiß Du schon, wo Du hier arbeiten wirst? Vll. können wir uns in GE mal auf einen Kaffee treffen? Es kann sein, dass ich nämlich auch bald zu den Briten für ein Jahr gehe und würde gerne von Dir mehr erfahren, wie man mit Briten umgeht.

    Liebe Grüße aus Aachen
    Martin

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  2. Ich freue mich auf Dich, Du machst was im Leben und darauf kommt es an. Couchpotatoes gibt es schon genug.

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